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Das Reh ist die kleinste europäische Hirschart und das häufigste wildlebende Huftier in Deutschland. Nach der gängigen Vorstellung hält sich der scheue Waldbewohner in den Dickichten auf. Nur in der Abenddämmerung oder nachts kommt das Reh an den Waldrand um zu äsen. Im Gegensatz dazu ist es aber nicht an den Lebensraum Wald gebunden, sondern besiedelt auch großflächig offene Gebiete. So haben sich als Anpassung an die vom Menschen geschaffene ‚Agrarsteppe’ besonders im nord- und ostdeutschen Tiefland reine Feldrehpopulationen gebildet. Rehe sind stets wachsam. Beim geringsten Geräusch unterbrechen sie das äsen. Immer wieder heben sie den Kopf und schnuppern in den Wind. Die Lauscher sind ständig in Bewegung. Bei Gefahr ‚schrecken’ erwachsene Tiere. Sie geben einen tiefen Ton in rascher Folge von sich, sie bellen und flüchten anschließend ins Unterholz. Optimale Bedingungen haben Rehe daher in Gebieten, wo sich Wald, Feld und Wiesen mosaikartig abwechseln. Dort erreichen sie die höchsten Dichten als ‚Grenzlinienbewohner’. Sichere Rückzugsgebiete und abwechslungsreiche Nahrung liegen eng nebeneinander, ideal für die scheuen Wildtiere. Da stört auch das eine oder andere Gatter nicht. Rehe überspringen solche Abzäunungen problemlos.
Neugeborene Rehkitze begleiten ihre Mutter in den ersten 3-4 Lebenswochen noch nicht. Die Kitze suchen sich kurz nach der Geburt ihren Ablegeplatz. Dort werden sie von ihrer Mutter mehrmals täglich aufgesucht und gesäugt. Während die Ricke unterwegs auf Nahrungssuche ist, ducken sich die Kitze und verharren lautlos am Boden. Biologen bezeichnen Rehkitze daher als Liegetyp - im Gegensatz zum Folgetyp, wie bei Gämsen oder Ziegen, bei denen die Jungtiere ihrer Mutter vom 1. Tag an auf Schritt und Tritt folgen. Rehkitze haben in der ersten Zeit keinen eigenen Körpergeruch. Dadurch sind sie auf ihren Ablegeplätzen nur schwer von Feinden aufzustöbern. Zusätzlich geschützt sind sie durch ihr weiß und braun gemustertes Fell – eine hervorragende Tarnung. In den ersten 3-4 Wochen versuchen die Kitze bei jeder Ricke zu trinken und ihr zu folgen. Auch die Ricke lässt jedes Kitz bei sich trinken. Die Prägung auf die Mutter erfolgt erst nach etwa 3 Wochen. Zu Verwechslungen kommt es trotzdem nur selten, da die Rehmütter ihre Jungen abseits von anderen Familien zur Welt bringen und während der ersten Wochen allein aufziehen.
Daher: Finger weg vom scheinbar verlassenen Rehkitz! Die Rehmutter ist mit Sicherheit in der Nähe und beobachtet den menschlichen ‚Besucher’ argwöhnisch. Gönnen wir den Zweien die wohlverdiente Ruhe, und genießen wir den Augenblick, dass wir sie überhaupt zu Gesicht bekommen haben!
Kirstin Kuczius
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