Tipp des Monats im Mai 2002:
Der Eisvogel -
Fütterung nach klaren Regeln


„Karussell fahren“ ist nicht die alleinige Erfindung der Menschen. Das „Kinderkarussell“ der Eisvögel dient allerdings weniger dem Vergnügen als der gerechten Futterverteilung. Was genau es damit auf sich hat, zeigt der Tipp des Monats Mai im Naturhistorischen Museum.

Wer einmal Eisvögel beim Füttern beobachtet hat, neigt wider besseren Wissens dazu, ihnen menschliche Eigenschaften wie „Höflichkeit“ und „Gerechtigkeitssinn“ zu unterstellen. Junge Eisvögel bekommen von klein auf Fische zu fressen. Diese werden ihnen aber nicht „einfach irgendwie“ in den hungrigen Schnabel gestopft, sondern immer so serviert, dass sie möglichst problemlos zu schlucken sind. Würde ein Vogel einen Fisch mit dem Schwanz zuerst verschlingen, könnten sich Flossen und Schuppen aufstellen und der Fisch würde im Hals stecken bleiben. Erwachsene Eisvögel drehen deshalb den Fisch im Schnabel immer so, dass sie ihn kopfvoran schlucken.

Füttert ein Altvogel jedoch ein Junges oder seinen Partner, tut er das, was von uns als „höflich“ angesehen wird: Er nimmt den Fisch andersherum in den Schnabel, so dass nun der Kopf des Fisches zur Schnabelspitze gerichtet ist. So bekommt ihn der Gefütterte gleich in der für ihn richtigen Schluckrichtung angeboten.

Eisvögel sind Höhlenbrüter, die zwei Mal im Jahr jeweils sechs bis sieben Junge aufziehen. Diese sitzen in ihrer Nestkammer im Kreis. Kommt ein Altvogel zum Füttern, sperrt das Junge, das dem Höhleneingang am nächsten sitzt, den Schnabel auf. Es bekommt den Fisch, verschlingt ihn und spritzt einen Kotstrahl in die Röhre. Anschließend rücken alle Jungen wie im Karussell einen Platz weiter. Beim nächsten Mal wird dann das nächste Junge gefüttert. So werden die Fische „gerecht“ aufgeteilt und alle Jungvögel wachsen gleich schnell.

Eisvögel ernähren sich hauptsächlich von Fischen. Im Steilflug stürzen sie sich in Bäche und Flüsse – allerdings nur etwa jedes zehnte Mal mit Erfolg. Eisvögel sind nicht häufig und zählen bei uns zu den gefährdeten Arten. Ein großes Problem sind strenge Winter: Wenn Flüsse zufrieren, sterben manchmal bis zu 90 % aller Tiere. Leider wird auch der Lebensraum für die schillernden Vögel knapp. In verschmutzten Gewässern, an begradigten Flüssen und betonierten Ufern finden sie keine Nahrung mehr, keine Deckung und keine Nistplätze.


Isabell Ziekur

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