Tipp des Monats im September 2005:
   Hornvipern –
Die Wüste lebt

Im Aquarium des Naturhistorischen Museums Braunschweig lebt seit einiger Zeit eine giftige Hornviper, die der Museumsdirektor, Prof. Ulrich Joger, von einer seiner Forschungsreisen aus Tunesien mitgebracht hat. Sie ist der Gegenstand des „Tipps des Monat September“. Hornvipern der Art Cerastes cerastes bewohnen die Wüste Sahara, die Sinai-Halbinsel und die Negev-Wüste.

Über jedem Auge ragt ein Horn empor, das aus einer einzigen, spitzen Schuppe besteht. Solche Hörner über den Augen kommen nur bei Wüstenvipern vor. Außer bei der Hornviper gibt es sie auch bei der gehörnten Puffotter (Bitis caudalis) in Südafrika, der „falschen Hornviper“ (Pseudocerastes) im Vorderen Orient und der Seitenwinder-Klapperschlange (Crotalus cerastes) in den Wüsten Nordamerikas. Diese Schlangen sind nicht näher miteinander verwandt, d.h. sie haben ihre Hörner unabhängig voneinander ausgebildet. 

Über eine Funktion der Hörner für die Schlange wurde viel gerätselt. Da es auch hornlose Hornvipern gibt, haben die Hörner sicher keine lebenswichtige Funktion. Nerven enthalten sie nicht; also sind sie keine Sinnesorgane. Sie dienen auch nicht der Verteidigung oder dem Rivalenkampf. Weil sie direkt über der schlitzförmigen Pupille sitzen, könnten sie als Sonnenschirme funktionieren und so die Sehfähigkeit verbessern. Dafür spricht, dass am Südrand der Sahara fast nur ungehörnte Hornvipern vorkommen. Dort sind die Nächte fast immer warm, so dass die Schlangen stets nachts aktiv sind. Im Aquarium des Naturhistorischen Museums lebt die Hornviper in einem „umgedrehten Rhythmus“, d.h. für sie wurde die Nacht zum Tage gemacht, damit die Besucher sie am Tage sehen können.

Die Hornviper ist eine der wenigen Schlangenarten, die statt eines bedrohlichen Zischens ein Rasseln hören lässt, um Feinde einzuschüchtern. Dieses erzeugt sie durch Aneinanderreiben spezieller Schuppen. Biologisch gesehen gibt es für diese Anpassung gute Gründe. Da die Hornvipern hauptsächlich in trockenen Wüsten vorkommen, würde mit einem Zischen wertvolle Feuchtigkeit durch die Atemluft verloren gehen, außerdem könnten beim Einatmen Kleinteile wie Sand in die Atemwege gelangen.

Typisch für Wüstenvipern ist auch die „seitenwindende“ Fortbewegung. Statt zu schlängeln, hebeln sich diese Schlangen seitwärts über den Sand. Dadurch kommen sie im lockeren Sand besser voran. Ihre charakteristische Spur besteht aus parallel zueinander angeordneten Eindrücken des Körpers.

Nur ca. ein Fünftel der über 3000 Schlangenarten sind giftig. Die Hornviper ist eine der weniger gefährlichen Giftschlangen. Ihr Gift verursacht starke Schwellungen an der Bissstelle sowie starke Schmerzen. Nach kurzer Zeit treten Gerinnungsstörungen und damit verbundene Blutungen oder auch Blutgerinnsel auf. Der Blutdruck fällt ab, Herzrhythmusstörungen treten auf und Schlaganfälle können die Folge sein. Es kommt jedoch nur selten zu Todesfällen bei gebissenen Menschen. Die Tierpfleger im Aquarium des Naturhistorischen Museums halten ein tunesisches Antiserum „für alle Fälle“ vorrätig.

                                                                                                                                                          Ulrich Joger 

 

 

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