Über jedem Auge ragt ein Horn empor, das aus
einer einzigen, spitzen Schuppe besteht. Solche Hörner über den Augen kommen
nur bei Wüstenvipern vor. Außer bei der Hornviper gibt es sie auch bei der
gehörnten Puffotter (Bitis caudalis) in Südafrika, der
„falschen Hornviper“ (Pseudocerastes) im Vorderen Orient und der
Seitenwinder-Klapperschlange (Crotalus cerastes) in den Wüsten
Nordamerikas. Diese Schlangen sind nicht näher miteinander verwandt, d.h.
sie haben ihre Hörner unabhängig voneinander ausgebildet.
Über eine Funktion der Hörner für die Schlange
wurde viel gerätselt. Da es auch hornlose Hornvipern gibt, haben die Hörner
sicher keine lebenswichtige Funktion. Nerven enthalten sie nicht; also sind sie
keine Sinnesorgane. Sie dienen auch nicht der Verteidigung oder dem
Rivalenkampf. Weil sie direkt über der schlitzförmigen Pupille sitzen, könnten
sie als Sonnenschirme funktionieren und so die Sehfähigkeit verbessern. Dafür
spricht, dass am Südrand der Sahara fast nur ungehörnte Hornvipern vorkommen.
Dort sind die Nächte fast immer warm, so dass die Schlangen stets nachts aktiv
sind. Im Aquarium des Naturhistorischen Museums lebt die Hornviper in einem
„umgedrehten Rhythmus“, d.h. für sie wurde die Nacht zum Tage gemacht, damit die
Besucher sie am Tage sehen können.
Die Hornviper ist eine der wenigen
Schlangenarten, die statt eines bedrohlichen Zischens ein Rasseln hören lässt,
um Feinde einzuschüchtern. Dieses erzeugt sie durch Aneinanderreiben spezieller
Schuppen. Biologisch gesehen gibt es für diese Anpassung gute Gründe. Da die
Hornvipern hauptsächlich in trockenen Wüsten vorkommen, würde mit einem Zischen
wertvolle Feuchtigkeit durch die Atemluft verloren gehen, außerdem könnten beim
Einatmen Kleinteile wie Sand in die Atemwege gelangen.
Typisch für Wüstenvipern ist auch die „seitenwindende“
Fortbewegung. Statt zu schlängeln, hebeln sich diese Schlangen seitwärts über
den Sand. Dadurch kommen sie im lockeren Sand besser voran. Ihre
charakteristische Spur besteht aus parallel zueinander angeordneten Eindrücken
des Körpers.
Nur ca. ein Fünftel der über 3000 Schlangenarten
sind giftig. Die Hornviper ist eine der weniger gefährlichen Giftschlangen. Ihr
Gift verursacht starke Schwellungen an der Bissstelle sowie starke Schmerzen.
Nach kurzer Zeit treten Gerinnungsstörungen und damit verbundene Blutungen oder
auch Blutgerinnsel auf. Der Blutdruck fällt ab, Herzrhythmusstörungen treten auf
und Schlaganfälle können die Folge sein. Es kommt jedoch nur selten zu
Todesfällen bei gebissenen Menschen. Die Tierpfleger im Aquarium des
Naturhistorischen Museums halten ein tunesisches Antiserum „für alle Fälle“
vorrätig.
Ulrich Joger