Tipp des Monats im November 2001: Seelilien aus dem Muschelkalk

Vor 230 Millionen Jahren, als unsere Gegend den Meeresboden des Germanischen Muschelkalkmeeres bildete, war die Seelilie Encrinus liliiformis eines der häufigsten Lebewesen am Meeresgrund. Es gab sie so zahlreich, dass ihre fossil erhaltenen Stielglieder, die sog. Trochiten, die heutigen Gesteinsschichten des Trochitenkalk im Elm bilden.
Allerdings war Encrinus liliiformis keine Pflanze, die im Meer wuchs, sondern ein Tier. Ihr Name stammt aus der Zeit, als die Lebewesen noch nach ihrem Erscheinungsbild benannt wurden. Dieses ähnelt mit einem mehr oder weniger langen dünnen Stiel und einer blütenähnlichen Krone tatsächlich einer Blütenpflanze.

Encrinus liliiformis war eine Verwandte der Seeigel und Seesterne. Sie war darauf spezialisiert, mit ihren Armen mikroskopisch kleine Nahrungsteilchen aus dem Meerwasser heraus zu filtern. Da sie dabei ihr planktonisches Mahl mit der Strömung des Wassers wie auf einem Fließband serviert bekam, war sie in der Regel mit ihrem Stiel fest am Meeresboden angewachsen. Heute haben sich die letzten Seelilien, sie werden als 'Lebende Fossilien' bezeichnet, in die Tiefsee zurückgezogen, ein letztes Refugium zum Überleben.
Im Naturhistorischen Museum werden wunderschön erhaltene Kelche dieser fossilen Tiere gezeigt. Viel häufiger und bekannter sind die fossil erhaltenen Seelilienstielglieder (Trochiten), die im Volksmund als Sonnenradsteine, Sonnensteine, Rädersteine, Bonifatiuspfennige, Hexengeld, Hünentränen, Wichtelsteinchen, Zwergen- und Mühlsteinchen bezeichnet werden. Sie scheinen seit jeher die Menschen fasziniert zu haben. So fand man in einem jungsteinzeitlichen Grab in Frankreich durchbohrte Trochiten als Halskette. 1714 wurden sie in einem Medizinbuch bei verschiedenen Krankheiten empfohlen, wie Gliederzittern, Nasenbluten, Epilepsie, Nachtschrecken, Melancholie, Schwindel, Nieren- und Lendenschmerzen sowie gegen giftige Tiere, zur Förderung der Nachgeburt und Steigerung der Tapferkeit . Noch bis Anfang des 18. Jahrhunderts wurden Trochiten in Apotheken verkauft. Sie mussten zu Pulver zerstoßen eingenommen oder ganz geschluckt werden.



Fritz J. Krüger
Archiv   zurück