Tipp des Monats Oktober            Zum Archiv

Verborgenes Leben im Blatt

Seit einigen Jahren bringen uns die Kastanien bereits im Sommer in Herbststimmung. Ursache für das verfrühte Welken ist ein kleiner Schmetterling, der sich in den Blättern dieser großen Bäume entwickelt: die Rosskastanien-Miniermotte. Sie ist wohl die bekannteste Vertreterin einer Reihe von Insekten, die ihren Lebensraum im Inneren von Blättern haben. Dieser verborgenen Lebensform ist der „Tipp des Monats“ im Naturhistorischen Museum gewidmet.


Das Laubblatt ist nach menschlichen Maßstäben ein zweidimensionales Gebilde. Tatsächlich besteht es jedoch aus mehren Zellschichten, in die auch die Blattfarbstoffe eingelagert sind. Und nur sehr kleine Insektenlarven finden hier Raum.

Wer im Inneren seiner Futterpflanzen lebt, ist nicht nur mitten in seiner Lieblingsspeise, quasi die Made im Speck. In diesem Kleinstlebensraum finden die kleinen Kerbtiere ebenso Schutz vor schädlicher Sonnenstrahlung, Austrocknung, starkem Regen und Wind. Auch vor vielen Fraßfeinden haben sie hier Ruhe. Nur wenige Spezialisten finden sie hier.

Diese verborgene Lebensform haben viele Insekten verwirklicht, darunter finden sich auch Schädlinge im Pflanzenanbau. Sie fressen durch das Pflanzengewebe und hinterlassen dabei eindeutige Spuren, die sogenannten Minen. An diesen Stellen fehlen nun die Blattfarbstoffe, die die Pflanze zur Fotosynthese braucht. Hält man ein so befallenes Blatt gegen das Licht, so kann man in dem nun durchsichtigen Gewebe deutlich die darin fressende Larve entdecken.

So auch die Kastanien-Miniermotte in den Blättern der Rosskastanien. Jedes Weibchen dieses knapp 1 cm langen Kleinschmetterlings legt etwa 20-40 Eier auf die Oberseite der Blätter ab. Nachdem sie aus dem Ei geschlüpft sind, bohren sich die winzigen Larven ins Innere eines Laubblatts. Nach wenigen Wochen Entwicklungszeit verpuppen sie sich zum flugfähigen Insekt, das das schützende Blatt verlässt. Dieser Kreislauf wird dreimal pro Jahr vollzogen.

Beide –sowohl Rosskastanie als auch ihre Miniermotte – sind keine einheimischen Organismen. Die genaue Herkunft der Motten ist sogar noch unbekannt. Bei uns wird die rasante Vermehrung der eingewanderten Tiere nicht durch spezialisierte Gegenspieler reguliert. Noch gibt es keine wirksame Eindämmung der Kastanienplage. Weil die Tiere aber im Blatt überwintern, lässt sich der Befall im Frühjahr durch das sorgfältige Einsammeln und Entsorgen des Laubes etwas hinauszögern. Damit bleiben die Rosskastanien länger grün.


                                                                                                             Martina Bünnige